«Beseitige alle inneren Widerstände»

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«Beseitige alle inneren Widerstände»

Ist das der Zürcher Hafenkran? Er ist es. Mit blauem Himmel, weissen Wölkchen und ohne Zürich, fotografiert 2016 vom Sockel aus, die Spitze des Krans zielt genau in die rechte obere Ecke. Rechts daneben hängt das Bild einer Feuerleiter, symmetrisch dazu, sodass sie den Kran zu stützen scheint: «Damit der nicht umstürzt», informiert Christof Roost aus Saland. Roost, Jahrgang 1954, Mitglied seit 2016, ist ein genauer Beobachter. Wenn ein Zeitungsbild im Photoshop bearbeitet wurde, dann entgeht ihm das nicht.Seit 125 Jahren gibt es die Photographische Gesellschaft Winterthur (PGW), gefeiert wird mit einer Ausstellung auf drei Stockwerken im Foyer der Alten Kaserne. 19 von 35 Mitgliedern beteiligen sich daran, darunter zwei Frauen; das Geschlechterverhältnis unter den Mitgliedern ist fünf zu eins.

Tiere, Menschen und Landschaften

Gut vertreten sind Tiere, Landschaften und Menschen, das Wasser; die Thurmündung im Morgenrot, die Tower-Bridge in London. Sonja Maria Kamper hat aus Irland die bei Touristen sehr beliebte Kylemore Abbey mitgebracht: Es habe sie «trotzdem oder gerade deshalb» gereizt, das Motiv einzufangen, «mit einem schönen Licht», schreibt Kamper in der Ausstellungsbroschüre. Sie stammt aus Winterthur, ist 1979 geboren und seit 2012 Mitglied der PGW. Es lohnt sich meistens, länger vor den Fotografien zu verweilen und sich in die Bilder hinein ziehen zu lassen. Nicht das Motiv ist das Wesentliche, sondern wie es aufgenommen wurde. Auf dem Bild «Gratwanderung» etwa von Andreas Lanz aus Wiesendangen (1978/2011), einer Schwarz-Weiss-Aufnahme aus dem Berner Oberland, steht eine Figur im Vordergrund im Schnee, neben sich den Rucksack und die Stöcke, eine zweite steht weit unten auf dem Grat und ist winzig: Das Resultat ist ein starkes Raumerlebnis, man kommt dem Berg ganz nahe.

PGW-Präsident Peter Bihr aus Elsau (1948/1994) hat auf Reisen den Fotoapparat immer dabei, zuletzt in Burma. Dort entstanden zwei Frauenporträts und eine Meeransicht mit einem Fischer, der bei Sonnenuntergang sein Netz auswirft.

Der «Landbote» kostete neun Franken

In seiner launigen Eröffnungsansprache redete Bihr gemächlich, mit vielen Pausen. Jetzt beim Apéro blitzen seine Augen vergnügt und er lacht nach jedem dritten Satz. Intime Porträts sind keine Schnappschüsse, man muss auf die Menschen zugehen; die Bilder verraten etwas über die Empathie, die der Fotograf empfand. Wo immer er auch hinreise, sagt Bihr, eine Frage beherrsche er in jeder Sprache: «Darf ich Sie fotografieren?» In seiner Ansprache blendete Bihr zurück in die Zeit der Gründung, die am 23. Januar 1893 erfolgt war. Der «Landbote» kostete damals neun Franken – im Jahr. Dreizehn Mitglieder hatte die PGW zu Beginn, alles Männer, und «nicht die ärmsten».

Prominentestes Mitglied war Hermann Linck (1866-1938), der heute unter anderem für seine Architektur- und Industrie-Aufnahmen bekannt ist; er stammte aus der Fotografendynastie Linck, der das Fotomuseum Winterthur 1996 eine Ausstellung widmete. Dann zeigt Bihr eine Stadtansicht von Winterthur aus dem Jahr 1895, die Hermann Linck aus Anlass des Eidgenössischen Schützenfestes machte, und es wird kurz ein wenig andächtig im Saal.

Rückblick ohne Nostalgie

Die höchste Mitgliederzahl, rund 130, erreichte die PGW 1926, damals spielte an der Generalversammlung ein eigenes Orchester. Für Anfängerkurse gab es im Schulhaus Heiligberg eine Dunkelkammer. Bihrs Rückblick beschränkt sich auf eine Handvoll Anekdoten und ist frei von Nostalgie. Fotografen, so scheint es, leben nicht in dem, was war, sie jagen neuen Eindrücken nach.

Gegenwart und Zukunft der Fotografie seien digital, sagt Bihr; digital ist auch das Gästebuch zur Ausstellung, es ist über einen QR-Code erreichbar. Alle 14 Tage trifft man sich im Klublokal in der Alten Kaserne, man wandert zusammen, besucht Ausstellungen, und es gibt einen Jahresfotowettbewerb. Die PGW habe ihre Daseinsberechtigung im persönlichen Austausch, sagt Bihr.

Der Austausch funktioniert manchmal über mehrere Generationen hinweg. Bihr liest fotografische Grundregeln aus den Anfängen der PGW vor, die zeigen: Das Wichtigste am Fotografieren passiert vor dem Fotografieren. «Beseitige alle inneren Widerstände», heisst es da, und auch: «Denke erst, dann handle.»

Ausstellung 125 Jahre Photographische Gesellschaft Winterthur: Alte Kaserne, Foyer. Bis 27.2. Öffnungszeiten: Mo-Fr 8-23 Uhr, Sa 9-23 Uhr. Website: www.pgwinti.ch ()

Erstellt: 09.02.2018, 17:42 Uhr

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